Boris Nemzow – Fünf Stimmen aus Russland (Blogschau)

Update: Für Focus online habe ich die Theorien zusammengefasst und eingeordnet, die im Runet über den Mord kursieren.

Zur Ermordung Boris Nemzows: Fünf von mir übersetzte Zitate aus analytischen Texten russischer Intellektueller – weil mir das interessanter erschien als das meiste, was ich bisher auf Deutsch dazu gelesen habe. Unter jedem Zitat gibt es natürlich den Link zum russischen Originaltext.

1. Dichter Lew Rubinstein: Dieser Mord war unausweichlich

Ich weiß nicht, wer Boris getötet und wer den Befehl dazu gegeben hat. Wenn wir es irgendwann erfahren sollten, dann wird das nicht bald sein. Aber wir alle wissen, wer jene Stimmung in der Gesellschaft erschaffen und inspiriert hat, in der Morde wie diese nicht nur möglich, sondern unausweichlich sind.

[…]

Ich weiß nicht, wer konkret Boris ermordet hat […]. Aber eines ist offensichtlich: [Sie] haben quasi die Jagdsaison auf alle eröffnet, die die Frechheit haben, zu leben, zu atmen, zu denken und zu sprechen.

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2. Journalist Stanislaw Kutscher: Natürlich könnte Putin dieses Verbrechen aufklären

Wenn der Präsident aufrichtig wünscht, den Mord an dem Menschen aufzuklären, mit dem er einst Ski gefahren ist und über die Zukunft Russlands debattiert hat, dann verfügt er über alle Möglichkeiten, das rasch zu tun. Wenn die von (Putin) herangepäppelten Geheimdienste in der Lage waren, die unblutige Wiederkehr der Krim [ins Staatsgebiet Russlands] vorzubereiten, was kostet sie dann die Aufklärung eines Mordes, der 200 Meter vom Kreml entfernt verübt wurde, im Visier von Dutzenden Sicherheitskameras, auf einem Gebiet unter der Kontrolle des heroischen Föderalen Wachdienstes*?

(*Der Föderale Sicherheitsdienst wacht über die Sicherheit des Präsidenten und die Regierung ; der Kreml befindet sich nur wenige Meter vom Tatort)

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3. Journalist Andrej Kolesnikow: Es ist derselbe Hass

Derselbe Hass, dieselbe Aggression, die in den letzten Jahren geschürt wurden, als die Mehrheit (der Gesellschaft) gegen die „Fünfte Kolonne“ und „Verräter der Nation“ aufgehetzt wurde, konzentriert sich in diesem politischen Terrorakt, in diesen Schüssen – bezeichnenderweise in den Rücken, wenige hundert Meter vom Kreml entfernt.

[…]

Nach einem politischen Mord wie diesem ändert sich in (anderen) Ländern die Denkweise der Menschen […]. Ich bin sicher, dass das bei uns anders sein wird. Wir haben eine Gesellschaft wie Teflon, aggressiv und gleichzeitig paradoxerweise gleichgültig allem gegenüber. Es wird sich überhaupt nichts ändern. Auch nicht die Atmosphäre im Land, die zur Ermordung Nemzows geführt hat, des „Verräters der Nation“, der sein Land nie verlassen hat und der so gut wie einer der letzten aufrichtigen und leidenschaftlichen Politiker (Russlands) war.

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4. Publizist Ilja Milstein: Der Kreml bekämpfte Nemzow wie einen Feind

Der frühere Gouverneur, frühere Vizepremier, frühere Liebling Jelzins und sogar – wenn man den hartnäckigen Gerüchten glaubt – derjenige, den der erste Präsident (Jelzin) zeitweise als seinen Nachfolger sah, wurde unter Putin langsam, aber sicher aus der Politik gedrängt. Er war ein unverkennbarer Regimegegner, aber nie ein (ernstzunehmender) Konkurrent des Regimes.

Gleichwohl blieb Boris Nemzow bis zum letzten Tag ein Hassobjekt des Kremls, ein „Held“ in heimlich mitgeschnittenen und dann veröffentlichten Gesprächen sowie in bestellten Schauermärchen, die in Zeitungen, Dokumentationen und bei den staatlichen Fernsehsendern und wer weiß wo noch breitgetreten wurden. […] Man bekämpfte ihn wie einen Feind und bezeichnete ihn als einen Feind, als einen Agenten des US-Außenministeriums, der „Fünften Kolonne“ und mit vielen anderen Worten, die zu anderen Zeiten Erschießung oder Lager bedeuteten. Und in unseren Zeiten eine außergerichtliche Abrechnung provoziert haben. Er hat das verstanden und ernsthaft um sein Leben gefürchtet.

[…]

Im Gerichtssaal, falls man die Vollstrecker (der Tat) erwischt, wird man gesondert über die Hetzer sprechen müssen. Mit der Schärfe und Unerbittlichkeit, mit der man über Menschen spricht, deren Schuld weitaus schwerer wiegt als die des Killers, der nur geschossen hat, wohin man ihm befohlen hat. Diese Schuld ist ungeheuerlich und unauslöschlich. Und die ganze Atmosphäre in einem Land, in dem man ein ganzes Volk (geradezu) drängt, zum Auftragsmörder zu werden, zeugt gegen die herrschende Regierung.

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5. Journalist Artemij Troizkij: Als Märtyrer ist Nemzow für Putin gefährlicher als zu Lebzeiten

[…] Ein toter Nemzow als Märtyer und Symbol des Kampfes ist für den Kreml gefährlicher als der lebendige Politiker ohne große Perspektiven. […] (Ähnlich) wie der zynische Ausspruch Putins zum Mord an Anna Politkowskaja – dass ihr Tod mehr Schaden verursacht habe als ihre journalistische Arbeit. Auch der mögliche Ruck (in der Gesellschaft) hin zu einer weiteren Eskalation und der Radikalisierung des Protests bringt der Regierung nichts ein. Den Terror der „Antimaidanisten“ könnte die Opposition ebenso (militant) beantworten.

Andererseits fügt sich die Ermordung Boris Nemzows als Einschüchterungsakt und Druckmittel zweifelsohne in die aktuelle Innenpolitik des Kremls ein. Und das beweist, wie niederträchtig und gefährlich diese Politik ist.

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