Russland-Links der Woche (Nazi-Edition) [update]

Die Russland-Links der Woche diesmal mit Nazi-Schwerpunkt (ist ja gerade im Trend, siehe Spiegelcover): Nazi-Treffen in St. Petersburg, angeblicher Hitlergruß eines russischen Professors und Putin-Freunds, Selbstmord-Zensur – und eine erfreuliche Nachricht.

  • Angeblicher Hitlergruß bei Krim-Annexionsfeier [update]
    Jan-Böhmermann-Moment bei einer Krim-Annexionsfeier in Kasan (Russland, Republik Tatarstan): Ein Video von „Radio Svoboda“ („Radio Freiheit“) zeigt angeblich den Prorektor einer Kasaner Universität, wie er den Hitlergruß zeigt. Im Video ist zu sehen, wie ein Mann, der tatsächlich Igor Ismajlowitsch Bikejew sehr ähnlich sieht, circa eine Sekunde lang den rechten Arm ausstreckt (Minute 0:55). Auf meine E-Mail-Anfrage, ob er tatsächlich der Hitlergruß-Mann in dem Video ist, hat Bikejew bisher nicht geantwortet.
    Herr Bikejew schreibt per Mail, die Information (in dem Video) sei manipuliert, er habe in seinem ganzen Leben noch nie den Hitlergruß gezeigt und lehne Faschismus grundsätzlich ab. Ich frage als nächstes bei „Radio Swoboda“ nach, woher sie das Video haben bzw. wie sie die Authentizität geprüft haben.

 

  • Meinem Eindruck nach ist Bikejew eher ein treuer Putin-Freund als ein Faschist: Er ist Mitglied der „Allrussischen Nationalen Front“, die Putin 2011 gegründet hatte (von der manche denken, dass sie womöglich die regierende Partei „Vereinigtes Russland“ ersetzen sollte; um die „Front“ ist es aber schnell ruhig geworden, und viel mehr als eine Putin-Fanbase mit ein paar bekannteren Namen ist sie eigentlich nicht). Und bei Putins „Fernsehfragestunde“ („Prjamaja Liniya“) im April 2014 durfte er im Publikum direkt hinter Putins Verbündetem sitzen, Ramsan Kadyrow.
Bikejew in der Putin-Fragestunde (ieml.ru)

Bikejew in der Putin-Fragestunde (ieml.ru) / Zum Vergrößern klicken

 


  • Internetbehörde Roskomnadsor verbietet Zeitung, über Selbstmord von Krebskranken zu berichten:
    Die Internetzeitung „Prawoslawie i mir“ („Orthodoxie und Welt“) hatteunter der Überschrift „In Moskau haben  sich zwei Krebskranke das Leben genommen“ berichtet. Genau das hat die Internetüberwachungsbehörde Roskomnadsor der Zeitung kurz darauf in einem Schreiben verboten. Selbstmorde von Krebskranken sind keine Seltenheit in Russland: Selbst Totkranke kommen kaum an Schmerzmittel, und die Mittel für Krebsmedikamente sind begrenzt. Offensichtlich ist eine öffentliche Diskussion darüber von der Regierung nicht gewünscht.
  • Das großartige Onlinemagazin „Batenka da Wy transformer“ hat auf das Selbstmordmotiverklärungsverbot mit einem Text über berühmte Selbstmörder geantwortet, in dem null mal das Wort „Selbstmord“, aber dafür 63 Mal „Roskomnadsor“ vorkommt: „einen Roskomnadsor begehen“, die Haltung der Kirche zum Roskomnadsor, „ein weiterer tragischer Roskomnadsor“ – you get the picture.


  • News in Dugin:

    Alexandr Dugin

    Alexandr Geljewitsch in Diskussion mit einem fast ebenso eloquenten Gesprächspartner, könnte man meinen. Ist aber ein Foto für die Presse, und das ist womöglich Dugins Lieblings-Ikonenwandteppich. (Quelle: dugin.ru)

  • Eurasien-Liebhaber (vulgo: Eurasien-Nazi) Alexander Dugin kümmert sich weiter um seine Vernetzung mit der europäischen Neuen Rechten. Dugin ist bestätigter Redner bei einem Kolloquium der belgischen (flämischen) nationalistischen Studentenvereinigung NSV Ende April. Auch unter den Rednern: Der rechtsextreme Journalist Manuel Ochsenreiter aus Deutschland.

  • Und zum Schluss eine gute Nachricht!
    Das Projekt „Poslednij Adres“ („Die letzte Adresse“) ist so etwas wie die russische Variante der deutschen „Stolpersteine“: Eine Gedenkplakette erinnert an Opfer des Stalinismus, und zwar an deren letztem Wohnhaus. Das Projekt begann seine Arbeit in Moskau, seit diesem Wochenende gibt es die ersten Plaketten in Moskau. Einer der Köpfe hinter „Poslednij adress“ ist der „Echo Moskwy“-Journalist Sergej Parchomenko, die NGO Memorial unterstützt das Projekt. Bisher wurde laut Parchomenko noch kein einziges der Schilder beschädigt oder abgenommen.

    Sergej Parchomenko auf Facebook zum Start des Projekts in St. Petersburg (Screenshot)

    Sergej Parchomenko auf Facebook zum Start des Projekts in St. Petersburg (Screenshot) / Zum Vergrößern klicken