Preisausschreiben: Lösung für den Ukraine-Konflikt gesucht

Das Tolle an nahezu unlösbaren Konflikten ist, dass vom Berufskommentator bis zum Sitznachbar im Bus jeder eine Lösung parat hat. Hier ein paar Ideen der Ukraine-Konflikt-Löser – und wie man ihnen den Tag verdirbt. (Spoiler: Es gibt gar nichts zu gewinnen, ich wollte auch mal Clickbaiting machen.)

Die Situation in der Ostukraine ist seit einigen Monaten dabei, sich zu einem unlösbaren Konflikt zu mausern – und in den nächsten Monaten werden für die Ukrainer nicht angenehmer werden:

Die Wirtschaft ist marode; der Staat faktisch pleite womit die Menschen im Winter heizen sollen, ist unklar; die Regierung bekommt die Ostukraine nicht befriedet und schon gar nicht die Krim zurück; EU und USA ist die Ukraine nicht so wichtig, dass man sich deswegen ernsthaft mit Russland anlegen würde; Moskau wird eine konstante Bedrohung bleiben, auch ohne eine offene Kriegserklärung (die ich persönlich für sehr unwahrscheinlich halte); die Nato ist keine wirkliche Hilfe, sondern wirkte zuletzt eher eskalierend.

Ziemlich verfahren also. Da wundert es mich persönlich umso mehr, dass es immer noch „Man muss doch einfach nur…“-Kommentatoren gibt, die meinen, die Lösung zu kennen. Halt, das ist natürlich gelogen, diese Leute kennen wir ja alle seit Jahrzehnten als verkannte Nahostkonfliktlöser-wenn-man-nur-mal-auf-mich-hören-würde. Das Schöne/Widerliche/Nervige: Vom Berufskommentator aus dem Politikteil deiner Lokalzeitung bis zum Sitznachbar im Bus machen alle mit bei diesem Spiel. Hier ein paar „Lösungsbeispiele“ für den Ukraine-Konflikt – und warum sie meiner Meinung nach nicht weiterhelfen.

Russland und die Ukraine sollen die gemeinsame Grenze dicht machen und am besten das umliegende Gebiet entmilitarisieren. → Super Idee, aber nicht in Russlands Interesse. Daher wird sich Moskau kaum darauf einlassen, und die einseitige Umsetzung bringt nichts.

Macht doch einfach Frieden.
→ Ja klar, es handelt sich hier ja auch um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen zwei Männern, und die müssen einfach nur mal zusammen jagen gehen und einen Wodka kippen, und dann gehen alle zu sich nach Hause und stricken noch was.

Die ukrainische Regierung muss stärker auf die Menschen im Südosten des Landes eingehen und die Macht gegebenenfalls dezentralisieren.
→ Vor einem Dreivierteljahr wäre das sicher eine super Idee gewesen. Deutlich bevor Bewaffnete (sehr wahrscheinlich mit Hilfe aus Russland, über Art und Umfang der Hilfe kann man streiten) anfingen, sich als Lokalmacht zu gebärden, und bevor der sogenannte Anti-Terror-Einsatz in einen Regionalkrieg mit ungewissem Ende mündete.

Der Westen muss in einem ersten Schritt die Krim-Annexion akzeptieren. → Seien wir ehrlich, niemand erwartet ernsthaft, dass Russland die Krim in absehbarer Zeit zurückgibt. Für die Ukraine würde sich das nicht mal besonders lohnen: Die Krim zu ernähren ist teuer, deren Wirtschaftsmodell Tourismus funktioniert nicht mehr ganz so gut wie zu Sowjetzeiten, schließlich ist es mittlerweile für viele Russen interessanter, einen Pauschalurlaub mit richtigem Service zu buchen, sagen wir mal, in der Türkei. Auf der Krim gibt es sowjetisch geprägten „Service“ zu vergleichsweise hohen Preisen. Naja. Viele dort sind ethnische Russen oder wollen es gern sein, und historisch ist die Region für Ärger bekannt. Eigentlich könnte man also meinen: Liebe Ukrainer, seid froh, dass ihr diesen teuren Wurmfortsatz los seid. Eigentlich. Das Problem ist das Signal, dass eine öffentliche Anerkennung der Krim-Annexion darstellen würde: Es ist also auf einmal völkerrechtlich ok, sich unter einem Vorwand handstreichartig einen Teil eines anderen Staates einzuverleiben ohne dessen Einverständnis? Ist es natürlich nicht, und zwar aus Gründen. Und: Wer sagt den Ukrainern, dass Moskau ein solches „Ok, behaltet die verdammte Krim“-Signal nicht als Blaupause für weitere, ähnliche Aktionen missbrauchen würde? Hier noch ein Stückchen, da noch ein Stückchen, und schon ist der Staat Ukraine Geschichte.

Beide Seiten, die Teilnehmer der „Antiterroroperation“ und die Separatisten, müssen ihre Waffen niederlegen.
→ Und morgen schaffen wir dann Aids ab und in den USA gibt es nie wieder eine Schießerei an einer Schule. Ich denke, wir verstehen uns. Zurück zur Ostukraine: Selbst zeitweise Waffenruhen bringen keine dauerhafte Entspannung, das hat die Vergangenheit gezeigt. Die Separatisten haben wenig Interesse an ihrer Entwaffnung, das käme ihrer Entmachtung gleich. Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass diese Leute auf gezielte Entführungen, besonders von Journalisten setzen oder auf Angriffe aus dem Hinterhalt  – dezentrale Taktiken, denen die „ATO“ bisher wenig entgegenzusetzen vermochte. Beide Seiten begehen offenbar Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das legen die Berichte von Amnesty International aus der Region nahe. Auch dies trägt natürlich dazu bei, dass sich der Konflikt weiter festfährt und auf Jahre Wunden schlägt, ob direkt sichtbar in den zerstörten Städten oder in den Erinnerungen der Bewohner, die bereits geflohen sind oder noch ausharren. Für die Regierung in Kiew wiederum käme eine einseitige Entwaffnung ihrer Kräfte einer Kapitulation gleich: Das hieße für sie so viel wie die umkämpften Gebiete aufzugeben, die Spaltung der Ukraine in Kauf zu nehmen.

Man muss auf Russlands Befürchtungen eingehen.
→ Prinzipiell ein begrüßenswerter Ansatz, schließlich dürfte mittlerweile jedem klar sein, dass weder anti-russische Sanktionen, noch die aktuelle Nato-Politik geeignet sind, Druck aus dem Konflikt zu nehmen. Die russische Außenpolitik ist geprägt aus einer Mischung aus Ängsten (Umzingelung durch die Nato, ein westlich unterstützter Umsturz als Demokratisierungsprojekt etc.) und tiefem Zynismus. Es ist gut, wenn europäische und amerikanische Außenpolitiker um diese Ängste wissen. Aber alles verstehen heißt in diesem Fall nicht: alles verzeihen. Mit Russland auf Augenhöhe zu verhandeln, heißt auch, zu bemerken, wenn das Gegenüber lügt. Auf die eigenen Interessen zu achten und sie zu verteidigen. Alles andere wird als Schwäche ausgelegt und gnadenlos ausgenutzt. Weil man in Moskau davon ausgeht, dass die anderen es genauso machen. Das heißt: Dem Kreml Honig ums Maul zu schmieren, von den „historischen Gründen“ der Krim-Annexion und dem starken Mann Putin zu faseln, bringt uns genauso wenig weiter, wie die Russen mit Nato-Manövern vor ihrer Haustür unter Druck zu setzen.

Noch mehr Ideen, wie man den Ukraine-Konflikt nicht lösen kann? Her damit!

Ist das da Putins Gehirn? Ein paar Gedanken zu Alexandr Dugin

Alexandr Dugin

Alexandr Dugin (Quelle: Interfax/Surab Dschawachadse)

Deutsche Medien nennen ihn gern „Putins Ideologen“ – und tatsächlich ist die mit etwas Pseudowissenschaft verquirlte rassistische Ideologie Alexandr Dugins gefährlich. Das macht ihn aber noch lange nicht zu Putins heimlichem Rasputin.

Es gibt in letzter Zeit einen Trick, wenn man bei seiner Redaktion einen Russland-Text unterbringen will – man sagt einen Namen: Alexandr Dugin. Falls dann nur ein fragender Blick zurückkommt, kann man etwas hinzufügen wie: „Das ist ein Mann, der in der Lage ist, die Worte Putin, Astrologie und Waffen-SS in einem Satz unterzubringen – noch dazu ist er völlig durchgeknallt, hat jede Menge Anhänger in Russland und darf da an einer Hochschule lehren!“ Das stimmt nämlich (leider) alles.

Eines stimmt aber meiner Ansicht nach nicht – und es dürfte das ultimative Verkaufsargument für all die Dugin-Texte sein, die jüngst bei deutschen Medien auftauchten: Dass Dugin eine Art Mastermind hinter Putin sei. Kann sein, dass er das selbst denkt – er denkt ja auch, Putins Regierungsstil lasse sich in Sonnen- und Mondphasen einteilen (ganz abgesehen von dem ganzen krausen neofaschistischen und neoimperalistischen Kram, den er sonst so denkt).

Vor einiger Zeit rauschte dann eine Meldung herein, die eigentlich bei allen, die Dugin für den durchgeknallten Chef-Ideologen des Kreml halten, für Euphorie sorgen müsste: Dugin, so hieß es, sei seinen Posten an der Moskauer Staatlichen Universität los. In den deutschen Medien wurde die Nachricht allerdings nicht aufgegriffen – bis auf eine Ausnahme (wer mehr Beispiele findet, darf sie gern in den Kommentaren ergänzen): Moritz Gathmann wertet in einem Text für Spiegel online den Vorgang als ein Anzeichen dafür, dass der Kreml seine extreme Rhetorik im Ukraine-Konflikt zurückfährt.

Alexandr Dugin

Alexandr Geljewitsch in Diskussion mit einem fast ebenso eloquenten Gesprächspartner, könnte man meinen. Er sitzt da aber nur für die Presse, und das ist womöglich sein Lieblings-Ikonenwandteppich. (Quelle: dugin.ru)

 

Von Dugin war nämlich kurz vor seiner angeblichen Entlassung vom Uni-Posten ein Video aufgetaucht, in dem er dazu aufruft, die Unterstützer der „Junta“ (russischer Propagandabegriff für die Regierung in Kiew) zu „töten, töten, töten“. Kurz darauf vermeldete Dugin seine Entlassung als Chef des Lehrstuhls für „Internationale Beziehungen“ der Soziologie-Fakultät – und erklärte sie seinen Getreuen auf Facebook als Folge seiner „extrem patriotischen“ Position zur Ukraine-Frage. Heißt das jetzt aber, dass Putins Regierung sich von Dugin und seinen euroras(s)istischen Positionen distanziert? Aus meiner Sicht: nein.

Aus zwei Gründen. Erstens bestätigt die Pressestelle der Staatlichen Moskauer Universität auf Nachfrage Dugins Version nicht: Mag sein, dass es innerhalb der Fakultät eine Intrige gab – Dugin behält aber laut einer Mitteilung, die mir vorliegt, seinen Posten als Lehrstuhlinhaber. (Auf der Internetseite der Fakultät wird er aktuell auch als solcher geführt.) Allerdings ist es eine außerordentliche Professur, und sein Vertrag läuft vorerst nur bis September dieses Jahres. In einem Satz: Dugin wurde nicht entlassen.

Der zweite Grund: Putin muss sich nicht von Dugin distanzieren – weil es sehr schwer ist, ihm überhaupt eine Nähe zu Dugin nachzuweisen. Es gibt keine gemeinsamen Fotos, keine gemeinsamen Auftritte, ja Putin hat sich nicht ein Mal öffentlich zu ihm geäußert.

Und wenn ich so darüber nachdenke, gibt es noch einen dritten Grund dafür, dass Alexandr Dugin weder „Putins Hirn“, noch „der Mann, auf den Putin hört“, noch „Putins Ideologe“ ist.

Putin hat gar keine Ideologie.

Wladimir Putin in Archangelsk

Sorry, Mr. Putin – Bürokrat bleibt Bürokrat – auch wenn er mal für den KGB Akten angelegt hat. (Quelle: kremlin.ru)

Putin ist ein Bürokrat, und Bürokraten haben keine Ideologie, auch nicht solche, die mal für einen Geheimdienst gearbeitet haben. Das Problem ist: „Der Mann, der nicht Putins Hirn ist, aber möglicherweise trotzdem brandgefährlich“ ergibt keine besonders gute Überschrift.

 

P.S.: Ich halte Wladislaw Surkow mittlerweile wieder für weitaus einflussreicher, als jemand wie Dugin es je sein könnte. Surkow hat die perfekte Lehre für autoritäre Herrscher in post-ideologischen Zeiten entwickelt: Die der „vertikalen Demokratie“. Das ist wohl die, an die Gerhard Schröder damals dachte, als er Putin einen „lupenreinen Demokraten“ nannte. Die Grundgedanke besteht darin, dass Länder wie Russland einfach nicht gemacht sind für „normale“ Demokratie, sondern mehr Kontrolle und Autorität brauchen – gern wird dann mit dem Chaos und der Gesetzlosigkeit der 90er argumentiert – viele Russen verbinden genau das mit dem Wort „Demokratie“, und das ist nun wirklich nichts, was man sich in Russland zurückwünscht.

Fünf gute Nachrichten aus der Ukraine

Journalisten lieben schlechte Nachrichten – und deswegen lieben viele Nachrichtenredakteure derzeit die Ukraine: Hier ein paar Dutzend getötete Separatisten, dort ein gestürmter Flughafen – für ein paar Meldungen ist das Land noch immer gut. Das Problem ist aber: Das Bild, dass die Nachrichtenredakteure liefern, ist schief. Die folgenden positiven Fakten gehen gerade unter in der Berichterstattung – und vermitteln ein deutlich anderes Bild vom Konflikt.

1. Es gibt keinen landesweiten Bürgerkrieg.

Das erklärt z. B. die britische Journalistin, Autorin und Ukraine-Kennerin Anna Reid in einem Leserbrief an den „Economist“:

„The violence is at a much lower level and more localised than one would guess from watching the television. Most of the country is completely peaceful. Vladimir Putin’s claim that Ukraine has collapsed into ‚civil war‘ is completely false.“

(Wer den kompletten Leserbrief nachlesen möchte: The Economist, Ausgabe vom 7.-13. Juni, S. 18.)

2. Es gibt keine Pogrome gegen Juden.

Russische Medien haben seit Beginn der Ukraine-Krise immer wieder versucht, der westlichen Welt weiszumachen, ukrainische Juden hätten von der neuen Regierung Schlimmes zu befürchten. Gern zählen russsische Nachrichtenagenturen mit, wie viele ukrainische Juden angeblich in letzter Zeit nach Israel ausgewandert sind. Bei unabhängigen russischen Bloggern lese ich allerdings, dass derzeit wieder sehr viele Juden aus Russland auswandern – nicht weil Russen generell schlimmere Antisemiten als Ukrainer werden, sondern weil diese russischen Staatsbürger es dank ihrer jüdischen Wurzeln nach Israel auswandern können. Warum? Zum Beispiel, weil sie das politische Klima in Russland nicht mehr ertragen. Das riecht nämlich in letzter Zeit nach Sowjetunion 2.0.

Zur Propaganda-Schlacht der offiziellen russischem Medien passte eine Meldung wunderbar, die von vielen (auch von deutschen) Medien kritiklos übernommen wurde: In der Ostukraine würden Juden mit Flugblättern dazu aufgerufen, sich zu registrieren. Klar, was das hierzulande für Assoziationen auslöst: Erst kennzeichnen sie die Juden, dann kommen die Pogrome, die Ghettos, … Das alles ist nicht passiert, und es ist wenig wahrscheinlich, dass es passieren wird. Die großartige Journalistin Julia Ioffe erklärt bei „The New Republic“ die Hintergründe zu der Fake-Meldung.

Auf Twitter gibt es ein Bild des angeblichen Flugblatts. Es beginnt mit der eher merkwürdigen Anrede „Sehr geehrte Bürger jüdischer Nationalität…“

Wer immer noch nicht glaubt, dass jüdische Ukrainer von der neuen Regierung keine antisemitischen Aktionen fürchten müssen, dem lege ich diesen Debattenbeitrag von Timothy Snyder ans kalte Herz.

3.Sowohl in der Ukraine als auch in Russland gibt es unabhängige Journalisten, die sich dem Propaganda-Feldzug vor allem des Kremls widersetzen.

Für unabhängige Journalisten ist die Arbeit vor allem in der Ostukraine nicht nur schwierig, sondern derzeit lebensgefährlich: Journalisten geraten ins Kreuzfeuer, und „Reporter ohne Grenzen“ berichtet sogar von gezielten Entführungen von Medienvertretern. In Kiew wurde ein Journalist vermutlich von Schlägertrupps der früheren Janukowitsch-Regierung überfallen und starb an seinen Verletzungen. Trotz der widrigen Bedingungen berichten ukrainische Medien wie der TV-Sender Hromadske TV weiter kritisch.

Und im Nachbarland Russland hat eine Reihe von Journalisten sogar extra eine unabhängige Gewerkschaft gegründet, um dem Informationskrieg aus Moskau etwas entgegenzusetzen. (Anders als Informationskrieg kann man das, was russische Nachrichtenagentur, vor allem aber TV-Sender täglich abfeuern, nicht nennen.) Beim Osteuropa-Magazin Ostpol kann man das Gründungsdokument in deutscher Übersetzung nachlesen.

4. Die Extremisten vom „Rechten Sektor“ spielen so gut wie keine Rolle (mehr).

Ansichten aus der alleräußersten rechten Ecke und ein unangenehmer Hang zur Militanz machen die Anhänger des „Rechten Sektors“ zu einer Gruppierung, die durchaus gefährlich ist. Aber mit etwas Abstand kann man sagen: Die Gruppierung spielt in der Ukraine eine marginale Rolle. In der aktuellen Regierung spielen sie sogar gar keine mehr – und die einzigen Menschen, denen diese Information noch vorbehalten wird, dürften russische TV-Zuschauer sein. Denen wird nämlich noch immer weisgemacht, die Ukraine würde jetzt von gefährlichen Faschisten regiert.

Ein paar Beispiele gefällig?

Dmitry Jarosch vom Rechten Sektor war nie auch nur nah daran, die Wahl zum ukrainischen Präsidenten zu gewinnen. – Ein russischer Sender berichtete genau das.

Derselbe Jarosch hat aller Wahrscheinlichkeit nicht seine Visitenkarten am Ort einer Schießerei liegen lassen. – Viele russische Medien berichteten genau das. Die Berichte waren so absurd, dass ein eigenes Meme entstand: Einfach mal nach „Yarosh’s Businesscard“ googeln.

Im aktuellen Regierungskabinett ist kein einziges Mitglied des „Rechten Sektors“ vertreten. In einem Satz: Es ist ziemlich still um diese Leute geworden. Das hält russische Medien aber nicht davon ab, so gut wie täglich über die angebliche Bedrohung durch die Gruppierung zu berichten. Im Mai hat der „Rechte Sektor“ sogar die russische Regierungspartei „Jedinaja Rossia“ (Einiges Russland) geschlagen: Die gefährlichen Ukraine-Nazis wurden in den russischen Massenmedien deutlich öfter erwähnt, zeigt eine Grafik des Medienprojekts Kashin.guru. Initiator des Projekts ist übrigens der prominente russische Journalist Oleg Kashin.

knowyourmeme

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Euromaidan PR

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Ukrainska Pravda

Ukrainska Pravda

5. Putin ist noch nicht einmarschiert.

Der russische Präsident hat einige „günstige“ Gelegenheiten verstreichen lassen, sich mit offener militärischer Gewalt auch noch die Ostukraine einzuverleiben. Aktuell kommen aus Moskau Entspannungssignale – ob man deswegen davon ausgehen darf, dass Putin doch nicht völlig durchgeknallt ist oder ob es sich nur um einen taktischen Rückzug handelt – das kann, denke ich, momentan niemand sagen. Einige Kommentatoren sind jedenfalls der Meinung, Putin wolle seine derzeit schwindelerregende Popularität beim Wahlvolk (laut Lewada-Zentrum zuletzt 86 Prozent Zustimmng für Putin – sein höchster Wert bisher!) nicht mit einem „heißen Krieg“ riskieren. Den kann man nämlich verlieren.

Der russische Präsident W.A. Putin (Pressedienst Kreml)

Kann diese sehr weiche Strickjacke lügen?- Ja, wenn Strickjacken lügen könnten. (Quelle: Kremlin.ru)

Wie der Kreml die Kontrolle über Russlands größtes soziales Netzwerk erlangte

Screenshot VK_Pressefoto

Gründer Pavel Durovs VKontakte-Seite (Pressefoto)

Der Gründer des russischen Facebook-Klons „Vkontakte“ Pavel Durov ist nicht nur ein exzentrischer Millionär, er hat das soziale Netzwerk immer gegen den Zugriff der russischen Behörden abgeschirmt so gut er konnte. So wurde Vkontakte nicht nur zu einem Ort im russischen Internet, an dem das Urheberrecht außer Kraft ist – sondern auch zu einer Möglichkeit für die Opposition, sich zu organisieren. All das ist jetzt in Gefahr – nicht zuletzt durch Durovs eigenes Verhalten.

 

Zwei der mächtigsten Freunde Wladimir Putins haben nach Meinung von Durov handstreichartig die Geschäfte bei Vkontakte übernommen. Das teilte der Vkontakte-Gründer in dieser Woche auf seiner Seite in dem Netzwerk mit. Er selbst sei als CEO entlassen, habe davon aber erst aus den Medien erfahren.

 

Damit gehe die „völlige Kontrolle“ des Netzwerks in die Hände von Igor Sechin und Alisher Usmanow über. Die beiden Geschäftsmänner stehen Russlands Präsident Putin extrem nah: Usmanow ist laut Forbes der reichste Mann Russlands und hat Putin zuletzt geholfen, die Olympischen Winterspiele in Sochi zu finanzieren, Sechin gilt als zweitmächtigster Mann im Lande – nach dem Präsidenten.

 

Die Machtübernahme durch die Putin-Getreuen ist der vorläufige Höhepunkt des Kampfs um Vkontakte, das in Russland und vielen russischsprachigen Ländern populärer ist als Facebook. Vkontakte hat mehr als 200 Millionen registrierte Nutzer weltweit, im Januar meldete das Netzwerk 60 Millionen tatsächlich aktive Nutzer.

Pavel Durov (Pressefoto)

Pavel Durov (Pressefoto)

An den Daten dieser Nutzer hat laut Angaben des Unternehmens immer wieder der russische Inlandsgeheimdienst FSB (wörtlich: Föderaler Sicherheitsdienst) Interesse gezeigt. Gründer Pavel Durov betonte jedoch stets, Vkontakte weise solche Anfragen kategorisch zurück. In dieser „mangelnden Kooperation“ sieht Durov auch den wahren Grund für seine Entlassung und Entmachtung.

 

Durov hatte ein Schreiben veröffentlicht, in dem ein Mitarbeiter des St. Petersburger FSB die Nutzerdaten der Gründungsmitglieder bestimmter Gruppen auf Vkontakte einfordert: Die Gruppen gehören allesamt zur pro-westlichen Euromaidan-Bewegung in der Ukraine. „Unsere Antwort ist und bleibt eine kategorische Weigerung“, schreibt Durov dazu.

 

Am selben Tag teilt Durov mit, der FSB habe von ihm verlangt, die Vkontakte-Gruppe des russischen Oppositionellen und Anti-Korruptions-Bloggers Alexei Navalny zu löschen – sonst werde Vkontakte in Russland blockiert. Wieder weigert sich Durov, wieder schreibt er darüber. Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei eines, „ohne das Vkontakte keinen Sinn hat“. Fünf Tage später ist er seinen Job als CEO los.

Das Schreiben mit Unterschrift eines FSB-Mitarbeiters (VK/Pavel Durov)

Das Schreiben mit Unterschrift eines FSB-Mitarbeiters (VK/Pavel Durov)

 

In einem E-Mail-Interview mit Techcrunch teilte Durov mit, er befinde sich bereits außerhalb Russlands und habe auch nicht vor, dorthin zurückzukehren. Möglicherweise ist er schon seit circa einem Jahr im Ausland: Damals tauchte er ab, nach Anschuldigen der Petersburger Strafverfolgungsbehörden, er habe mit seinem Mercedes einen Verkehrspolizisten absichtlich angefahren. Aus seinem Unternehmen hieß es, Durov habe gar kein Auto – er selbst vermutete ein abgekartetes Spiel aus politischen Gründen und verschwand von der Bildfläche. Wobei er im Grunde nie auf der Bildfläche war: Durov meidet Interviews und öffentliche Auftritte, es gibt wenige Fotos von ihm, und auf denen schaut er meist an der Kamera vorbei.

 

Informationen über sein Privatleben gibt es kaum: Man weiß, dass sein Vater ein Philologie-Professor ist, dass sein älterer Bruder Nikolai, ein Mathematiker, Vkontakte mitgegründet hat. Durov ist unverheiratet und lebt, wenn er in St. Petersburg ist, nach eigenen Angaben in einer kleinen Mietwohnung in der Nähe des Firmensitzes von Vkontakte. Er isst kein Fleisch, würde Alkohol und Zigaretten am liebsten verbieten lassen und empfiehlt aufstrebenden jungen Männern, nicht zu viel Zeit mit Frauen, sozialen Netzwerken und Menschen, die dümmer sind als sie selbst, zu verschwenden.

 

Über das persönliche Vermögen des Vkontakte-Gründers kursieren nur Schätzungen: Die reichen von 2,7 Milliarden US-Dollar (fast zwei Milliarden Euro) bis zu 7,9 Milliarden Rubel (ca. 160 Millionen Euro). Aus Geld macht er sich allerdings nicht viel – sogar so wenig, dass er 2012 Papierflieger aus 5000-Rubel-Noten faltete und sie aus dem Fenster der Firmenzentrale in Petersburg segeln ließ. Umgerechnet circa 1140 Euro soll Durov an diesem Tag buchstäblich zum Fenster herausgeworfen haben. Er hörte damit erst auf, als auf der Straße Kämpfe zwischen den Passanten um die Geldscheine ausbrachen.

 

 

Das ist die exzentrische Seite des Vkontakte-Gründers, die viele Beobachter vor den Kopf stößt. Auch Durovs geschäftliche Entscheidungen wirken oft widersprüchlich: Der Oligarch Alisher Usmanov konnte zum Beispiel nur bei Vkontakte einsteigen, weil Durov ihm Aktienanteile verkaufte.

 

Damit noch nicht genug: Zuletzt verkaufte Durov sämtliche Aktien, die er noch hatte, an Megafon, eine russische Mobilfunk-Firma. Dessen CEO Ivan Tavrin beteuerte, die Aktien (zwölf Prozent) halten zu wollen – um sie wenig später und wenig überraschend an seinen Geschäftspartner Usmanov zu verkaufen..

 

Damit hält Usmanov über sein Medienunternehmen Mail.ru jetzt 52 Prozent der Aktien – und damit hat ein absoluter Putin-Gefolgsmann de facto die Kontrolle über die drei größten sozialen Netzwerke Russlands: Vkontakte, Odnoklassniki und Moi Mir (die beiden letzteren gehören zum Imperium von Mail.ru). Warum Durov seine Aktien verkaufte, nachdem er monatelang das Gegenteil angekündigt hatte, ist unklar. Durov macht zwar Andeutungen, er habe unter Druck gehandelt haben – genauer erklärt er sich aber nicht.

 

Die feindliche Übernahme des Netzwerks war zum Zeitpunkt des Verkaufs sowieso längst angelaufen: Ein ominöser russischer Investmentfonds hatte sich 2013 eingekauft: UCP („United Capital Partners“) kaufte einem Schulfreund Durovs und dessen Geschäftspartner ihre Anteile in Höhe von zusammen 48 Prozent ab. Durov soll sich zuvor mit den beiden überworfen haben.

 

Igor Sechin (kremlin.ru)

„Putins Schatten“, Igor Sechin (kremlin.ru)

Schnell war klar: UCP ist alles andere als ein stiller Teilhaber, und an der Spitze steht ein Kreml-Strohmann. Ilya Shcherbovich sitzt in diversen Verwaltungsräten – unter anderem in dem von Rosneft, dem russischen staatlichen Mineralölunternehmen, dem derzeit weltgrößten Energiekonzern. Mittlerweile ahnen Beobachter, für wen Shcherbovich den Weg ebnen sollte: Für den Aufsichtsratsvorsitzenden von Rosneft und Stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands Igor Sechin, auch genannt „Putins Schatten“.

 

Putins enge Freunde werden wohl für bessere Zusammenarbeit mit der KGB-Nachfolgeorganisation FSB eintreten. Das Traurige ist, dass ausgerechnet Vkontakte-Gründer Pavel Durov selbst mit seinen rätselhaften Manövern dazu beigetragen hat.

Was sich jetzt zu lesen lohnt – fünf Texte zum Ukraine-Konflikt

Analysen und Erklärungen statt Info-Häppchen: Eine Auswahl von fünf lesenswerten Texten zum Ukraine-Konflikt. Es ist übrigens keiner von einem deutschsprachigen Medium dabei. (Aber keine Angst, Englischkenntnisse reichen.)

 

1. „Everything you need to know about the Ukraine Crisis“ von Max Fisher
Der US-amerikanische Journalist Max Fisher verspricht ziemlich viel: „Everything you need to know about the Ukraine Crisis“ – und das in 20 Karten mit kurzen Texten. Das Versprechen hält er sogar, finde ich – super für den Einstieg ins Thema.

Fisher schreibt übrigens für das ziemlich tolle Medienprojekt Vox. Die Idee dahinter: Den Nutzern nicht nur Nachrichten liefern, sondern Zusammenhänge und Hintergründe erklären. Davor war Fisher so eine Art World-News-Blogger für die Washington Post – ich bin ein großer Fan seiner „Questions about [insert topic here] you were to embarrassed to ask“-Beiträge.

2.How to safe Ukraine“ von Keith Darden
Tja, that’s the question – und Dardens Antwort in „Foreign Affairs“ liefert tatsächlich eine Antwort. Kleiner Vorgeschmack:

 

The Russian plan to federalize Ukraine, which, in reality, is a plan to turn Ukraine into a weak confederation where the central government is largely ceremonial, is a step too far. It is a recipe for dissolution and Russian absorption of the territory, not a solution. But there is certainly a deal to be made between Ukraine’s regions that will satisfy its regional power bases, appease its neighbors, and keep the country whole. (…)
As long as Ukraine retains its highly centralized winner-take-all political system, and one regional faction sits in Kiev with the backing of either Russia or the West, Ukraine is going to be unstable. With a little bit of constitutional accommodation, though, the divided house just might stand.“

3. „Fascism, Russia, and Ukraine“ von Timothy Snyder

Der Historiker Timothy Snyder ist Autor von „Bloodlands“ (Leseempfehlung für Menschen mit etwas längerem Atem). In diesem Text für The New York Review of Books argumentiert er u.a., dass die frühere Führung um Janukowitsch (sowie Russland) die Bedrohung durch „Faschismus“ bewusst übertrieben hat, Janukowitschs Partei aber selbst nicht frei von antisemitischen Tönen ist.

Außerdem erklärt er das Phänomen, das ich Putins „Eurasischen Traum“ nennen würde und andere die Sowjetunion in neuem Gewand – die Ideologie, die hinter Russlands mutmaßlichen Expansionsfantasien steckt. Aber am besten selbst lesen!

4. „Putin doesn’t need to invade Ukraine to destabilize it, but he just might anyway“ von Julia Ioffe

Die amerikanisch-russische Journalistin Julia Ioffe schreibt  für das Magazin „The New Republic“ darüber, ob Putin nun die Invasion der Ukraine plant oder nicht – und was jetzt mit den Ukrainern geschieht. Zur Einstimmung einer von Ioffes O-Ton-Gebern:

 

„If the presidential elections happen legitimately, if all regions have precincts, if lists of voters are okay, if the Central Election Commission can ensure a calm election process that is then ratified by the international community, everything will be fine. If not, it’s hard to tell what will happen.“

5. „The true role of the FSB in the Ukraine Crisis“ von Andrej Soldatov

Der russische Journalist Andrej Soldatov ist Experte für russische Geheimdienste und betreibt mit seiner Kollegin Irina Borogan die sehr empfehlenswerte Seite agentura.ru. In seinem Beitrag für die Moscow Times analysiert Soldatov die Rolle des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB im Konflikt mit der Ukraine. Interessant wird es besonders im letzten Drittel des Textes.

Wer mag: Viel Spaß beim Lesen! Wer mag II: Ich freue mich auch immer über Lektüre-Hinweise, ob auf Englisch oder Russisch (oder gar Deutsch), selbst wenn ich mit dem Lesen jetzt schon kaum hinterherkomme, so viele Texte sind bereits gebookmarked definitiv für die spätere Lektüre vorgemerkt.