Ist das da Putins Gehirn? Ein paar Gedanken zu Alexandr Dugin

Alexandr Dugin

Alexandr Dugin (Quelle: Interfax/Surab Dschawachadse)

Deutsche Medien nennen ihn gern „Putins Ideologen“ – und tatsächlich ist die mit etwas Pseudowissenschaft verquirlte rassistische Ideologie Alexandr Dugins gefährlich. Das macht ihn aber noch lange nicht zu Putins heimlichem Rasputin.

Es gibt in letzter Zeit einen Trick, wenn man bei seiner Redaktion einen Russland-Text unterbringen will – man sagt einen Namen: Alexandr Dugin. Falls dann nur ein fragender Blick zurückkommt, kann man etwas hinzufügen wie: „Das ist ein Mann, der in der Lage ist, die Worte Putin, Astrologie und Waffen-SS in einem Satz unterzubringen – noch dazu ist er völlig durchgeknallt, hat jede Menge Anhänger in Russland und darf da an einer Hochschule lehren!“ Das stimmt nämlich (leider) alles.

Eines stimmt aber meiner Ansicht nach nicht – und es dürfte das ultimative Verkaufsargument für all die Dugin-Texte sein, die jüngst bei deutschen Medien auftauchten: Dass Dugin eine Art Mastermind hinter Putin sei. Kann sein, dass er das selbst denkt – er denkt ja auch, Putins Regierungsstil lasse sich in Sonnen- und Mondphasen einteilen (ganz abgesehen von dem ganzen krausen neofaschistischen und neoimperalistischen Kram, den er sonst so denkt).

Vor einiger Zeit rauschte dann eine Meldung herein, die eigentlich bei allen, die Dugin für den durchgeknallten Chef-Ideologen des Kreml halten, für Euphorie sorgen müsste: Dugin, so hieß es, sei seinen Posten an der Moskauer Staatlichen Universität los. In den deutschen Medien wurde die Nachricht allerdings nicht aufgegriffen – bis auf eine Ausnahme (wer mehr Beispiele findet, darf sie gern in den Kommentaren ergänzen): Moritz Gathmann wertet in einem Text für Spiegel online den Vorgang als ein Anzeichen dafür, dass der Kreml seine extreme Rhetorik im Ukraine-Konflikt zurückfährt.

Alexandr Dugin

Alexandr Geljewitsch in Diskussion mit einem fast ebenso eloquenten Gesprächspartner, könnte man meinen. Er sitzt da aber nur für die Presse, und das ist womöglich sein Lieblings-Ikonenwandteppich. (Quelle: dugin.ru)

 

Von Dugin war nämlich kurz vor seiner angeblichen Entlassung vom Uni-Posten ein Video aufgetaucht, in dem er dazu aufruft, die Unterstützer der „Junta“ (russischer Propagandabegriff für die Regierung in Kiew) zu „töten, töten, töten“. Kurz darauf vermeldete Dugin seine Entlassung als Chef des Lehrstuhls für „Internationale Beziehungen“ der Soziologie-Fakultät – und erklärte sie seinen Getreuen auf Facebook als Folge seiner „extrem patriotischen“ Position zur Ukraine-Frage. Heißt das jetzt aber, dass Putins Regierung sich von Dugin und seinen euroras(s)istischen Positionen distanziert? Aus meiner Sicht: nein.

Aus zwei Gründen. Erstens bestätigt die Pressestelle der Staatlichen Moskauer Universität auf Nachfrage Dugins Version nicht: Mag sein, dass es innerhalb der Fakultät eine Intrige gab – Dugin behält aber laut einer Mitteilung, die mir vorliegt, seinen Posten als Lehrstuhlinhaber. (Auf der Internetseite der Fakultät wird er aktuell auch als solcher geführt.) Allerdings ist es eine außerordentliche Professur, und sein Vertrag läuft vorerst nur bis September dieses Jahres. In einem Satz: Dugin wurde nicht entlassen.

Der zweite Grund: Putin muss sich nicht von Dugin distanzieren – weil es sehr schwer ist, ihm überhaupt eine Nähe zu Dugin nachzuweisen. Es gibt keine gemeinsamen Fotos, keine gemeinsamen Auftritte, ja Putin hat sich nicht ein Mal öffentlich zu ihm geäußert.

Und wenn ich so darüber nachdenke, gibt es noch einen dritten Grund dafür, dass Alexandr Dugin weder „Putins Hirn“, noch „der Mann, auf den Putin hört“, noch „Putins Ideologe“ ist.

Putin hat gar keine Ideologie.

Wladimir Putin in Archangelsk

Sorry, Mr. Putin – Bürokrat bleibt Bürokrat – auch wenn er mal für den KGB Akten angelegt hat. (Quelle: kremlin.ru)

Putin ist ein Bürokrat, und Bürokraten haben keine Ideologie, auch nicht solche, die mal für einen Geheimdienst gearbeitet haben. Das Problem ist: „Der Mann, der nicht Putins Hirn ist, aber möglicherweise trotzdem brandgefährlich“ ergibt keine besonders gute Überschrift.

 

P.S.: Ich halte Wladislaw Surkow mittlerweile wieder für weitaus einflussreicher, als jemand wie Dugin es je sein könnte. Surkow hat die perfekte Lehre für autoritäre Herrscher in post-ideologischen Zeiten entwickelt: Die der „vertikalen Demokratie“. Das ist wohl die, an die Gerhard Schröder damals dachte, als er Putin einen „lupenreinen Demokraten“ nannte. Die Grundgedanke besteht darin, dass Länder wie Russland einfach nicht gemacht sind für „normale“ Demokratie, sondern mehr Kontrolle und Autorität brauchen – gern wird dann mit dem Chaos und der Gesetzlosigkeit der 90er argumentiert – viele Russen verbinden genau das mit dem Wort „Demokratie“, und das ist nun wirklich nichts, was man sich in Russland zurückwünscht.

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