Fünf gute Nachrichten aus der Ukraine

Journalisten lieben schlechte Nachrichten – und deswegen lieben viele Nachrichtenredakteure derzeit die Ukraine: Hier ein paar Dutzend getötete Separatisten, dort ein gestürmter Flughafen – für ein paar Meldungen ist das Land noch immer gut. Das Problem ist aber: Das Bild, dass die Nachrichtenredakteure liefern, ist schief. Die folgenden positiven Fakten gehen gerade unter in der Berichterstattung – und vermitteln ein deutlich anderes Bild vom Konflikt.

1. Es gibt keinen landesweiten Bürgerkrieg.

Das erklärt z. B. die britische Journalistin, Autorin und Ukraine-Kennerin Anna Reid in einem Leserbrief an den „Economist“:

„The violence is at a much lower level and more localised than one would guess from watching the television. Most of the country is completely peaceful. Vladimir Putin’s claim that Ukraine has collapsed into ‚civil war‘ is completely false.“

(Wer den kompletten Leserbrief nachlesen möchte: The Economist, Ausgabe vom 7.-13. Juni, S. 18.)

2. Es gibt keine Pogrome gegen Juden.

Russische Medien haben seit Beginn der Ukraine-Krise immer wieder versucht, der westlichen Welt weiszumachen, ukrainische Juden hätten von der neuen Regierung Schlimmes zu befürchten. Gern zählen russsische Nachrichtenagenturen mit, wie viele ukrainische Juden angeblich in letzter Zeit nach Israel ausgewandert sind. Bei unabhängigen russischen Bloggern lese ich allerdings, dass derzeit wieder sehr viele Juden aus Russland auswandern – nicht weil Russen generell schlimmere Antisemiten als Ukrainer werden, sondern weil diese russischen Staatsbürger es dank ihrer jüdischen Wurzeln nach Israel auswandern können. Warum? Zum Beispiel, weil sie das politische Klima in Russland nicht mehr ertragen. Das riecht nämlich in letzter Zeit nach Sowjetunion 2.0.

Zur Propaganda-Schlacht der offiziellen russischem Medien passte eine Meldung wunderbar, die von vielen (auch von deutschen) Medien kritiklos übernommen wurde: In der Ostukraine würden Juden mit Flugblättern dazu aufgerufen, sich zu registrieren. Klar, was das hierzulande für Assoziationen auslöst: Erst kennzeichnen sie die Juden, dann kommen die Pogrome, die Ghettos, … Das alles ist nicht passiert, und es ist wenig wahrscheinlich, dass es passieren wird. Die großartige Journalistin Julia Ioffe erklärt bei „The New Republic“ die Hintergründe zu der Fake-Meldung.

Auf Twitter gibt es ein Bild des angeblichen Flugblatts. Es beginnt mit der eher merkwürdigen Anrede „Sehr geehrte Bürger jüdischer Nationalität…“

Wer immer noch nicht glaubt, dass jüdische Ukrainer von der neuen Regierung keine antisemitischen Aktionen fürchten müssen, dem lege ich diesen Debattenbeitrag von Timothy Snyder ans kalte Herz.

3.Sowohl in der Ukraine als auch in Russland gibt es unabhängige Journalisten, die sich dem Propaganda-Feldzug vor allem des Kremls widersetzen.

Für unabhängige Journalisten ist die Arbeit vor allem in der Ostukraine nicht nur schwierig, sondern derzeit lebensgefährlich: Journalisten geraten ins Kreuzfeuer, und „Reporter ohne Grenzen“ berichtet sogar von gezielten Entführungen von Medienvertretern. In Kiew wurde ein Journalist vermutlich von Schlägertrupps der früheren Janukowitsch-Regierung überfallen und starb an seinen Verletzungen. Trotz der widrigen Bedingungen berichten ukrainische Medien wie der TV-Sender Hromadske TV weiter kritisch.

Und im Nachbarland Russland hat eine Reihe von Journalisten sogar extra eine unabhängige Gewerkschaft gegründet, um dem Informationskrieg aus Moskau etwas entgegenzusetzen. (Anders als Informationskrieg kann man das, was russische Nachrichtenagentur, vor allem aber TV-Sender täglich abfeuern, nicht nennen.) Beim Osteuropa-Magazin Ostpol kann man das Gründungsdokument in deutscher Übersetzung nachlesen.

4. Die Extremisten vom „Rechten Sektor“ spielen so gut wie keine Rolle (mehr).

Ansichten aus der alleräußersten rechten Ecke und ein unangenehmer Hang zur Militanz machen die Anhänger des „Rechten Sektors“ zu einer Gruppierung, die durchaus gefährlich ist. Aber mit etwas Abstand kann man sagen: Die Gruppierung spielt in der Ukraine eine marginale Rolle. In der aktuellen Regierung spielen sie sogar gar keine mehr – und die einzigen Menschen, denen diese Information noch vorbehalten wird, dürften russische TV-Zuschauer sein. Denen wird nämlich noch immer weisgemacht, die Ukraine würde jetzt von gefährlichen Faschisten regiert.

Ein paar Beispiele gefällig?

Dmitry Jarosch vom Rechten Sektor war nie auch nur nah daran, die Wahl zum ukrainischen Präsidenten zu gewinnen. – Ein russischer Sender berichtete genau das.

Derselbe Jarosch hat aller Wahrscheinlichkeit nicht seine Visitenkarten am Ort einer Schießerei liegen lassen. – Viele russische Medien berichteten genau das. Die Berichte waren so absurd, dass ein eigenes Meme entstand: Einfach mal nach „Yarosh’s Businesscard“ googeln.

Im aktuellen Regierungskabinett ist kein einziges Mitglied des „Rechten Sektors“ vertreten. In einem Satz: Es ist ziemlich still um diese Leute geworden. Das hält russische Medien aber nicht davon ab, so gut wie täglich über die angebliche Bedrohung durch die Gruppierung zu berichten. Im Mai hat der „Rechte Sektor“ sogar die russische Regierungspartei „Jedinaja Rossia“ (Einiges Russland) geschlagen: Die gefährlichen Ukraine-Nazis wurden in den russischen Massenmedien deutlich öfter erwähnt, zeigt eine Grafik des Medienprojekts Kashin.guru. Initiator des Projekts ist übrigens der prominente russische Journalist Oleg Kashin.

knowyourmeme

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Euromaidan PR

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Ukrainska Pravda

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5. Putin ist noch nicht einmarschiert.

Der russische Präsident hat einige „günstige“ Gelegenheiten verstreichen lassen, sich mit offener militärischer Gewalt auch noch die Ostukraine einzuverleiben. Aktuell kommen aus Moskau Entspannungssignale – ob man deswegen davon ausgehen darf, dass Putin doch nicht völlig durchgeknallt ist oder ob es sich nur um einen taktischen Rückzug handelt – das kann, denke ich, momentan niemand sagen. Einige Kommentatoren sind jedenfalls der Meinung, Putin wolle seine derzeit schwindelerregende Popularität beim Wahlvolk (laut Lewada-Zentrum zuletzt 86 Prozent Zustimmng für Putin – sein höchster Wert bisher!) nicht mit einem „heißen Krieg“ riskieren. Den kann man nämlich verlieren.

Der russische Präsident W.A. Putin (Pressedienst Kreml)

Kann diese sehr weiche Strickjacke lügen?- Ja, wenn Strickjacken lügen könnten. (Quelle: Kremlin.ru)

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