Wie der Kreml die Kontrolle über Russlands größtes soziales Netzwerk erlangte

Screenshot VK_Pressefoto

Gründer Pavel Durovs VKontakte-Seite (Pressefoto)

Der Gründer des russischen Facebook-Klons „Vkontakte“ Pavel Durov ist nicht nur ein exzentrischer Millionär, er hat das soziale Netzwerk immer gegen den Zugriff der russischen Behörden abgeschirmt so gut er konnte. So wurde Vkontakte nicht nur zu einem Ort im russischen Internet, an dem das Urheberrecht außer Kraft ist – sondern auch zu einer Möglichkeit für die Opposition, sich zu organisieren. All das ist jetzt in Gefahr – nicht zuletzt durch Durovs eigenes Verhalten.

 

Zwei der mächtigsten Freunde Wladimir Putins haben nach Meinung von Durov handstreichartig die Geschäfte bei Vkontakte übernommen. Das teilte der Vkontakte-Gründer in dieser Woche auf seiner Seite in dem Netzwerk mit. Er selbst sei als CEO entlassen, habe davon aber erst aus den Medien erfahren.

 

Damit gehe die „völlige Kontrolle“ des Netzwerks in die Hände von Igor Sechin und Alisher Usmanow über. Die beiden Geschäftsmänner stehen Russlands Präsident Putin extrem nah: Usmanow ist laut Forbes der reichste Mann Russlands und hat Putin zuletzt geholfen, die Olympischen Winterspiele in Sochi zu finanzieren, Sechin gilt als zweitmächtigster Mann im Lande – nach dem Präsidenten.

 

Die Machtübernahme durch die Putin-Getreuen ist der vorläufige Höhepunkt des Kampfs um Vkontakte, das in Russland und vielen russischsprachigen Ländern populärer ist als Facebook. Vkontakte hat mehr als 200 Millionen registrierte Nutzer weltweit, im Januar meldete das Netzwerk 60 Millionen tatsächlich aktive Nutzer.

Pavel Durov (Pressefoto)

Pavel Durov (Pressefoto)

An den Daten dieser Nutzer hat laut Angaben des Unternehmens immer wieder der russische Inlandsgeheimdienst FSB (wörtlich: Föderaler Sicherheitsdienst) Interesse gezeigt. Gründer Pavel Durov betonte jedoch stets, Vkontakte weise solche Anfragen kategorisch zurück. In dieser „mangelnden Kooperation“ sieht Durov auch den wahren Grund für seine Entlassung und Entmachtung.

 

Durov hatte ein Schreiben veröffentlicht, in dem ein Mitarbeiter des St. Petersburger FSB die Nutzerdaten der Gründungsmitglieder bestimmter Gruppen auf Vkontakte einfordert: Die Gruppen gehören allesamt zur pro-westlichen Euromaidan-Bewegung in der Ukraine. „Unsere Antwort ist und bleibt eine kategorische Weigerung“, schreibt Durov dazu.

 

Am selben Tag teilt Durov mit, der FSB habe von ihm verlangt, die Vkontakte-Gruppe des russischen Oppositionellen und Anti-Korruptions-Bloggers Alexei Navalny zu löschen – sonst werde Vkontakte in Russland blockiert. Wieder weigert sich Durov, wieder schreibt er darüber. Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei eines, „ohne das Vkontakte keinen Sinn hat“. Fünf Tage später ist er seinen Job als CEO los.

Das Schreiben mit Unterschrift eines FSB-Mitarbeiters (VK/Pavel Durov)

Das Schreiben mit Unterschrift eines FSB-Mitarbeiters (VK/Pavel Durov)

 

In einem E-Mail-Interview mit Techcrunch teilte Durov mit, er befinde sich bereits außerhalb Russlands und habe auch nicht vor, dorthin zurückzukehren. Möglicherweise ist er schon seit circa einem Jahr im Ausland: Damals tauchte er ab, nach Anschuldigen der Petersburger Strafverfolgungsbehörden, er habe mit seinem Mercedes einen Verkehrspolizisten absichtlich angefahren. Aus seinem Unternehmen hieß es, Durov habe gar kein Auto – er selbst vermutete ein abgekartetes Spiel aus politischen Gründen und verschwand von der Bildfläche. Wobei er im Grunde nie auf der Bildfläche war: Durov meidet Interviews und öffentliche Auftritte, es gibt wenige Fotos von ihm, und auf denen schaut er meist an der Kamera vorbei.

 

Informationen über sein Privatleben gibt es kaum: Man weiß, dass sein Vater ein Philologie-Professor ist, dass sein älterer Bruder Nikolai, ein Mathematiker, Vkontakte mitgegründet hat. Durov ist unverheiratet und lebt, wenn er in St. Petersburg ist, nach eigenen Angaben in einer kleinen Mietwohnung in der Nähe des Firmensitzes von Vkontakte. Er isst kein Fleisch, würde Alkohol und Zigaretten am liebsten verbieten lassen und empfiehlt aufstrebenden jungen Männern, nicht zu viel Zeit mit Frauen, sozialen Netzwerken und Menschen, die dümmer sind als sie selbst, zu verschwenden.

 

Über das persönliche Vermögen des Vkontakte-Gründers kursieren nur Schätzungen: Die reichen von 2,7 Milliarden US-Dollar (fast zwei Milliarden Euro) bis zu 7,9 Milliarden Rubel (ca. 160 Millionen Euro). Aus Geld macht er sich allerdings nicht viel – sogar so wenig, dass er 2012 Papierflieger aus 5000-Rubel-Noten faltete und sie aus dem Fenster der Firmenzentrale in Petersburg segeln ließ. Umgerechnet circa 1140 Euro soll Durov an diesem Tag buchstäblich zum Fenster herausgeworfen haben. Er hörte damit erst auf, als auf der Straße Kämpfe zwischen den Passanten um die Geldscheine ausbrachen.

 

 

Das ist die exzentrische Seite des Vkontakte-Gründers, die viele Beobachter vor den Kopf stößt. Auch Durovs geschäftliche Entscheidungen wirken oft widersprüchlich: Der Oligarch Alisher Usmanov konnte zum Beispiel nur bei Vkontakte einsteigen, weil Durov ihm Aktienanteile verkaufte.

 

Damit noch nicht genug: Zuletzt verkaufte Durov sämtliche Aktien, die er noch hatte, an Megafon, eine russische Mobilfunk-Firma. Dessen CEO Ivan Tavrin beteuerte, die Aktien (zwölf Prozent) halten zu wollen – um sie wenig später und wenig überraschend an seinen Geschäftspartner Usmanov zu verkaufen..

 

Damit hält Usmanov über sein Medienunternehmen Mail.ru jetzt 52 Prozent der Aktien – und damit hat ein absoluter Putin-Gefolgsmann de facto die Kontrolle über die drei größten sozialen Netzwerke Russlands: Vkontakte, Odnoklassniki und Moi Mir (die beiden letzteren gehören zum Imperium von Mail.ru). Warum Durov seine Aktien verkaufte, nachdem er monatelang das Gegenteil angekündigt hatte, ist unklar. Durov macht zwar Andeutungen, er habe unter Druck gehandelt haben – genauer erklärt er sich aber nicht.

 

Die feindliche Übernahme des Netzwerks war zum Zeitpunkt des Verkaufs sowieso längst angelaufen: Ein ominöser russischer Investmentfonds hatte sich 2013 eingekauft: UCP („United Capital Partners“) kaufte einem Schulfreund Durovs und dessen Geschäftspartner ihre Anteile in Höhe von zusammen 48 Prozent ab. Durov soll sich zuvor mit den beiden überworfen haben.

 

Igor Sechin (kremlin.ru)

„Putins Schatten“, Igor Sechin (kremlin.ru)

Schnell war klar: UCP ist alles andere als ein stiller Teilhaber, und an der Spitze steht ein Kreml-Strohmann. Ilya Shcherbovich sitzt in diversen Verwaltungsräten – unter anderem in dem von Rosneft, dem russischen staatlichen Mineralölunternehmen, dem derzeit weltgrößten Energiekonzern. Mittlerweile ahnen Beobachter, für wen Shcherbovich den Weg ebnen sollte: Für den Aufsichtsratsvorsitzenden von Rosneft und Stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands Igor Sechin, auch genannt „Putins Schatten“.

 

Putins enge Freunde werden wohl für bessere Zusammenarbeit mit der KGB-Nachfolgeorganisation FSB eintreten. Das Traurige ist, dass ausgerechnet Vkontakte-Gründer Pavel Durov selbst mit seinen rätselhaften Manövern dazu beigetragen hat.

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