Stepan Bandera – oder wie der Kalte Krieg nach München fand

Vor mehr als 54 Jahren kam der Kalte Krieg auch nach München. Nur 15 Gehminuten von meiner jetzigen Wohnung entfernt tötete ein KGB-Agent den Mann, der bis heute einer der umstrittensten der ukrainischen Geschichte ist: Stepan Andrijowitsch Bandera.

Für viele Russen, Ostukrainer, Polen, aber auch Israelis ist er ein infamer Nazi-Kollaborateur, ein Terrorist, für viele Westukrainer dagegen ein Nationalheld. Das liegt nicht nur an der Spaltung der Ukraine, sondern auch daran, dass Bandera schon zu Lebzeiten schwer einzuordnen war. Er kämpfte gegen die Nazis, aber auch für sie, gegen die Sowjets, gegen Polen, mit Polen – da kann einem schon mal schwindlig werden. Den Nazis wurde es auch schnell zu viel mit ihm.

Stepan Bandera - author unknownEigentlich wollten sie Bandera und seine Leute als eine Art „Vorhut“ der Wehrmacht gegen die Sowjets nutzen. Bandera ließ sich auch gern mit deutschen Waffen versorgen – nutzte 1941 aber die Gelegenheit, einen unabhängigen ukrainischen Staat auszurufen. Dass der von kurzer Lebensdauer war, versteht sich von selbst. Die Nazis steckten Bandera ins Konzentrationslager Sachsenhausen, die Ukraine wurde besetzt.

1944 erinnerte man sich auf deutscher Seite wohl wieder an Bandera: Er wurde freigelassen und kämpfte wieder in der Ukraine. Mal mit den Nazis gegen die Sowjets, mal anders herum. Der Zweite Weltkrieg endete dann, gelinde gesagt, etwas unglücklich für Bandera: Die Sowjets gehörten zu den Siegermächten, und ihre Anführer waren ziemlich nachtragend, was Nazi-Kollaborateure anbelangt.

Bandera muss das recht schnell erkannt haben – er setzte sich 1946 nach München ab. Hier endet seine Geschichte am 15. Oktober 1959. Im Wohnhaus in der Kreittmayrstraße Nummer sieben hören die Nachbarn den lauten Schrei eines Mannes. Als sie aus ihren Wohnungen kommen, soll der Nachbar, den sie unter dem Namen Stefan Popel kannten, noch gelebt haben.

„Tödlicher Sturz“, lautet die erste Diagnose. Erst die Obduktion bringt den wahren Hintergrund ans Licht: Die Ärzte finden Blausäure. Rekonstruiert wurden die Geschehnisse so: KGB-Agenten waren Bandera nach tagelanger Observation zu dessen Wohnung gefolgt, wo einer von ihnen, Bogdan Staschinski, ihm mit einer Art Pistole die Blausäure ins Gesicht schoss. Kalter Krieg in München.

Staschinski wurde sogar gefasst und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt – allerdings trat er sie nie an. Er verschwand spurlos und ist, soweit man das weiß, seither nicht wieder aufgetaucht. Zumindest nicht unter diesem Namen.

Banderas Grab (власна фотографія/Долинський)

Banderas Grab (власна фотографія/Долинський)

Und Bandera? Wurde in München beerdigt, wo man noch heute sein Grab auf dem Alten Teil des Waldfriedhofs besuchen kann. Damit endete die Geschichte des Mannes Bandera/Popel, aber eine andere begann dafür: Die von Banderas Nachruhm.

Die Debatte darum ist jetzt wieder aktuell: „Banderowzy“ ist erneut ein gängiges Schimpfwort – manchmal für diejenigen, die vor allem von Russen und Ostukrainern für gefährliche Aufständler gehalten werden, manchmal auf alle Westukrainer gemünzt. Gleichzeitig versucht „Swoboda“, die ukrainische Partei am rechten Rand, Bandera für sich zu vereinnahmen: Sein Konterfei ist jetzt oft bei Demonstrationen der Partei zu sehen. Auf wessen Seite Bandera in der heutigen Ukraine kämpfen würde, weiß man nicht.

Man kann nur vermuten: Lange würde er es wohl nicht auf einer Seite der Barrikaden aushalten.

Wer sich Banderas Grab in München ansehen möchte: Diese Internetseite führt es mit der Kennziffer 043-W-10. Hier ist außerdem ein Plan des Alten Teils des Friedhofs (PDF). Grabfeld 43 ist auf diesem Plan ganz im Osten.

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