Warum man über Putins Scheidung schreiben darf

Ljudmila Putina und Wladimir Putin 2003 (Quelle: http://www.kremlin.ru/events/photos/2003/05/46482.shtml/Presidential Press and Information Office

Ljudmila Putina und Wladimir Putin 2003 (Quelle: http://www.kremlin.ru/events/photos/2003/05/46482.shtml/Presidential Press and Information Office)

Wladimir Putin hat neben der ganzen Aufregung um die Krim also auch noch Zeit gefunden, sich scheiden zu lassen. Das ist sicher kein Aufreger, schließlich war es eine Scheidung mit Ansage und damit maximal eine kleine Meldung wert. Was ich persönlich interessant fand, war ein Hinweis, den ich zuerst auf der Facebook-Seite des bekannten russischen Journalisten Oleg Kashin (dem ich auf Facebook folge) gelesen habe:

 

Da stand, aus der offiziellen Präsidenten-Biographie der Regierungsseite sei jeder Hinweis darauf getilgt worden, dass Putin überhaupt je verheiratet war. Mit ein bisschen Googeln war die Seite zu finden, und tatsächlich: Nicht mal „geschieden“ stand da, nur die beiden Töchter werden noch erwähnt. Und das gab mir zu denken.

 

Wer sich je mit sowjetischer, insbesondere mit stalinistischer Geschichte beschäftigt hat, dem wird vielleicht ähnliches einfallen: Ich musste an die spezielle „Erinnerungspolitik“ denken, die „Feinde“ nicht nur physisch auszulöschen, sondern auch aus der Erinnerung: Es sollte keine Bilder geben, ihr Name sollte nicht mehr in Archiven auftauchen – dem Begriff dazu musste ich ehrlich gesagt hinterhergoogeln: Damnatio memoriae.

 

Einigen geht mein Gedankengang sicher zu weit, aber mir will es doch sehr scheinen, dass diese Kulturpraxis der Sowjets (die natürlich weder die ersten, noch die einzigen waren, die dies praktizierten) nur eines von vielen Elementen ist, die jetzt wieder an die Oberfläche drängen – wahrscheinlich waren sie nie ganz verschwunden.

 

Hier ein kleiner Beitrag zur Erinnerung: Ljudmila Putina in jungen Jahren. (Quelle: http://archive.kremlin.ru/articles/bookphoto10.shtml)

Hier ein kleiner Beitrag zur Erinnerung: Ljudmila Putina in jungen Jahren. (Quelle: http://archive.kremlin.ru/articles/bookphoto10.shtml)

Das ist ein Grund, warum man aus meiner Sicht über die Art und Weise schreiben darf, auf die Putin sich seiner Frau entledigt. Der andere ist: Weil es bisher kaum jemand getan hat, und man dem russischen Präsidenten seine Zaren-Rolle nicht unbedingt gönnen muss. Beides hängt nämlich zusammen: Es gibt wahrlich genug boulevardeske Medien in Russland – aber über Putins Privatleben wurde kaum berichtet. Ich glaube nicht, dass Anstand dahintersteckt.

 

Es ist eher so, dass der Präsident (jedenfalls dieser), quasi unantastbar ist. Und deswegen passt es so wunderbar, dass Putin jetzt keine (offizielle) Frau mehr hat und auch keiner Partei angehört: Er schwebt über diesen Dingen und ist für das ganze Volk da, als väterliche und männliche Projektionsfigur. Wohlgemerkt: Das ist nicht meine Meinung, sondern das scheint mir der Effekt zu sein, den Putins Spindoktoren anstreben.

 

Die Gerüchte um eine angebliche Affäre waren eine Ausnahme vom Berichterstattungstabu. Es gibt verschiedene denkbare Gründe dafür, dass russische Boulevard-Medien mit solchen Berichten „davonkamen“ (ein Zeichen, dass sie offenbar nicht gänzlich unerwünscht waren): Vielleicht sollte die Öffentlichkeit auf die Trennung und Scheidung vorbereitet werden.

 

Eine These, die ich heute irgendwo gelesen habe (würde gern verlinken, aber selbst Google kann bei Quellen-Amnesie nicht immer helfen): Die Affäre zu einer deutlich jüngeren, attraktiven, sportlichen Frau lässt Putin viriler wirken als die farblose Dauerehe mit einer rundlichen, älteren Dame wie Ljudmila – selbst wenn es nur Gerüchte sein sollten.

 

Übrigens, wenn jemand eine wirklich gute Putin-Biographie kennt, lasse er es mich bitte wissen. Offensichtlich hat das Leben dieses Mannes doch mehr Interessantes zu bieten als viele ihm bislang zugestehen wollten.

 

P.S. Ich habe auch tatsächlich über das Thema geschrieben (eine kleine bearbeitete Agenturmeldung, meine Überschrift ist das allerdings ganz und gar nicht), und die Leser von Focus online hassen es ;-). Häkchen bei Transparenz und so.

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4 Kommentare zu “Warum man über Putins Scheidung schreiben darf

  1. Putin mmhh…

    Sehr deutschfreundlich auf jeden Fall :), blaue Augen blonde Haare, typisch baltisches (sind auch „Arier) Aussehen.

    Grosses Land, viel Lebenraum, viele Atomwaffen, hat gewisse Elemente in Russland von der Macht getreten…weiss was gewisse Elemente dem Deutschen und Russischen Volk angetan haben….

    Blonde Russen sind auch Germanen (Kiever Rus) gell?

    Tjoar :)…wisst ihr Bescheid oder?

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  2. Kann man nicht den Wunsch von Ljudmilla Putina nach Privatsphaere akzeptieren? Sie wuenscht es nicht in der Oeffentlichkeit zu stehen und dass alle ueber alles angeblich bescheid wissen muessen.
    Und was Putin mit seiner Biographie macht, ist auch seine persoenliche Sache.
    Fragt irgend jemand nach, warum Fr. Merkel nicht Sauer heisst? Oder warum ein Pastor Gauck nicht fuer klarere persoenliche Familienverhaeltnisse sorgt! Ein Weib nach dem anderen, und das neben der vor Gott getrauten Ehefrau.
    Ihr Journalismusverstaendnis spottet jeder Beschreibung

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