Russland-Links, klandestine Edition

Die Russland-Links diesmal u.a. mit Kreml-SMS-Leak und Tabubrüchen, die dem Land gut tun.

  • Der kaukasischen Spur auf der Spur: Uljana Skoibeda fuhr für die „Komsomolskaja Prawda“ nach Tschetschenien, um mit den Familien der Tatverdächtigen im Mord an Boris Nemzow (und anderen aus der Region) zu sprechen.
  • Tabu 3: Diese Reportage ist nicht nur toll geschrieben, sie geht echt an die Nieren. So richtig. Andrej Kozenko hat für Meduza das erste privat geführte Waisenhaus für schwerbehinderte Kinder besucht, und Kevin Rothrock hat den Text ins Englische übersetzt.
  • Großartig, dass es diese Einrichtung gibt – und umso schlimmer, wie Russland sonst mit diesen Kindern umgeht: Ärzte raten den Eltern meist schon nach der Geburt, die Kinder wegzugeben. Dann landen sie in Kinderheimen, in denen es ihnen sogar noch schlimmer ergeht als normalen russischen Waisenkindern – und ihr restliches Dasein fristen sie meist in der geschlossenen Psychiatrie. Unbedingt lesen.
  • Bereicherung I: Niemand soll wissen, wie reich die Bosse der russischen Staatskonzerne sind. Das meldet Interfax. Demnach hat die russische Regierung beschlossen, dass die Staatskonzernchefs, die noch andere Einkünfte haben, diese nicht offenlegen müssen. Man beachte besonders das Stock-Foto, das Interfax als Illustration wählt.
  • Bereicherung II: Der Sohn des ehemaligen FSB-Chefs Patruschew, Andrej Patruschew, bekommt einen neuen Job bei Gasprom-Neft, meldet ebenfalls Interfax. Und zwar wird er „stellvertretender Generaldirektor für den Ausbau von Schelf-Projekten“ (Hier mehr Infos darüber, was ein Schelf ist. ) Andrej Patruschew hat übrigens bereits einen Orden von Putin im Schrank (oder wo man Putin-Orden sonst so aufbewahrt – in einem mit patriotischen Farben beleuchteten Schrein in einem für diesen Zweck reservierten Zimmer?) – und zwar für die „erreichten beruflichen Erfolge und langjährigen Dienste“. Patruschew der Jüngere ist  Jahrgang 1981.
  • Neues I: Neues vom Panzerfahrer, der mit der „Nowaja Gazeta“ sprach. Hier die Geschichte, falls sich jemand nicht (mehr) an die Story erinnert (auf Englisch; Bilder schlagen auf den Magen). Seine Mutter hat sich jetzt an die Zeitung „Nowaja Burjatija“ („Neues Burjatien“) gewandt – und behauptet, ihr Sohn liege erstens in Burjatien im Krankenhaus, und zweitens habe er nie mit der Presse gesprochen, das ganze Interview in der „Nowaja“ sei ausgedacht. (Hm. Möglicherweise möchte die Frau einfach ihre Ruhe und hofft darauf, doch noch Geld für ihren schwerverletzten Sohn vom Staat zu bekommen? Von dem Staat, der ihn womöglich zum Kämpfen in die Ukraine geschickt hat.)
  • Update dazu: „Nowaja Burjatija“ macht einen auf Rolling Stone und nimmt den Beitrag offline.
  • Neues II: Neues von der russischen Hackergruppe „Shaltai Boltai“ (auch bekannt als „Anonomny International“, was das gleiche bedeutet wie das englische „Anonymous International“, ist aber nicht dieselbe Gruppierung). Diesmal 40.000 SMS, angeblich vom Handy von Timur Prokopenko, der für Putins Präsidialadministration arbeitet. – „Meduza“ hat sich dankenswerterweise da durchgearbeitet (russ.): https://meduza.io/feature/2015/03/31/kto-sleduyuschiy
  • Mein Eindruck: Viel Interessantes dabei, zum Beispiel über Marine Le Pen, Dugin, die geschasste Lenta.ru- und jetzt Meduza-Chefin Galina Timtschenko, die Überwachung der Opposition und, und, und. Aber es sind halt 40.000 SMS, deswegen habe ich vermutlich in deutschen Medien noch keine gute Story dazu gefunden. (Arbeite mich selbst noch durch.)
  • Update: Zweite Leak-Welle am Montag (06.04), SMS und Chats von Timur Prokopenko.
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Russland-Links der Woche (Nazi-Edition) [update]

Die Russland-Links der Woche diesmal mit Nazi-Schwerpunkt (ist ja gerade im Trend, siehe Spiegelcover): Nazi-Treffen in St. Petersburg, angeblicher Hitlergruß eines russischen Professors und Putin-Freunds, Selbstmord-Zensur – und eine erfreuliche Nachricht.

  • Angeblicher Hitlergruß bei Krim-Annexionsfeier [update]
    Jan-Böhmermann-Moment bei einer Krim-Annexionsfeier in Kasan (Russland, Republik Tatarstan): Ein Video von „Radio Svoboda“ („Radio Freiheit“) zeigt angeblich den Prorektor einer Kasaner Universität, wie er den Hitlergruß zeigt. Im Video ist zu sehen, wie ein Mann, der tatsächlich Igor Ismajlowitsch Bikejew sehr ähnlich sieht, circa eine Sekunde lang den rechten Arm ausstreckt (Minute 0:55). Auf meine E-Mail-Anfrage, ob er tatsächlich der Hitlergruß-Mann in dem Video ist, hat Bikejew bisher nicht geantwortet.
    Herr Bikejew schreibt per Mail, die Information (in dem Video) sei manipuliert, er habe in seinem ganzen Leben noch nie den Hitlergruß gezeigt und lehne Faschismus grundsätzlich ab. Ich frage als nächstes bei „Radio Swoboda“ nach, woher sie das Video haben bzw. wie sie die Authentizität geprüft haben.

 

  • Meinem Eindruck nach ist Bikejew eher ein treuer Putin-Freund als ein Faschist: Er ist Mitglied der „Allrussischen Nationalen Front“, die Putin 2011 gegründet hatte (von der manche denken, dass sie womöglich die regierende Partei „Vereinigtes Russland“ ersetzen sollte; um die „Front“ ist es aber schnell ruhig geworden, und viel mehr als eine Putin-Fanbase mit ein paar bekannteren Namen ist sie eigentlich nicht). Und bei Putins „Fernsehfragestunde“ („Prjamaja Liniya“) im April 2014 durfte er im Publikum direkt hinter Putins Verbündetem sitzen, Ramsan Kadyrow.
Bikejew in der Putin-Fragestunde (ieml.ru)

Bikejew in der Putin-Fragestunde (ieml.ru) / Zum Vergrößern klicken

 


  • Internetbehörde Roskomnadsor verbietet Zeitung, über Selbstmord von Krebskranken zu berichten:
    Die Internetzeitung „Prawoslawie i mir“ („Orthodoxie und Welt“) hatteunter der Überschrift „In Moskau haben  sich zwei Krebskranke das Leben genommen“ berichtet. Genau das hat die Internetüberwachungsbehörde Roskomnadsor der Zeitung kurz darauf in einem Schreiben verboten. Selbstmorde von Krebskranken sind keine Seltenheit in Russland: Selbst Totkranke kommen kaum an Schmerzmittel, und die Mittel für Krebsmedikamente sind begrenzt. Offensichtlich ist eine öffentliche Diskussion darüber von der Regierung nicht gewünscht.
  • Das großartige Onlinemagazin „Batenka da Wy transformer“ hat auf das Selbstmordmotiverklärungsverbot mit einem Text über berühmte Selbstmörder geantwortet, in dem null mal das Wort „Selbstmord“, aber dafür 63 Mal „Roskomnadsor“ vorkommt: „einen Roskomnadsor begehen“, die Haltung der Kirche zum Roskomnadsor, „ein weiterer tragischer Roskomnadsor“ – you get the picture.


  • News in Dugin:

    Alexandr Dugin

    Alexandr Geljewitsch in Diskussion mit einem fast ebenso eloquenten Gesprächspartner, könnte man meinen. Ist aber ein Foto für die Presse, und das ist womöglich Dugins Lieblings-Ikonenwandteppich. (Quelle: dugin.ru)

  • Eurasien-Liebhaber (vulgo: Eurasien-Nazi) Alexander Dugin kümmert sich weiter um seine Vernetzung mit der europäischen Neuen Rechten. Dugin ist bestätigter Redner bei einem Kolloquium der belgischen (flämischen) nationalistischen Studentenvereinigung NSV Ende April. Auch unter den Rednern: Der rechtsextreme Journalist Manuel Ochsenreiter aus Deutschland.

  • Und zum Schluss eine gute Nachricht!
    Das Projekt „Poslednij Adres“ („Die letzte Adresse“) ist so etwas wie die russische Variante der deutschen „Stolpersteine“: Eine Gedenkplakette erinnert an Opfer des Stalinismus, und zwar an deren letztem Wohnhaus. Das Projekt begann seine Arbeit in Moskau, seit diesem Wochenende gibt es die ersten Plaketten in Moskau. Einer der Köpfe hinter „Poslednij adress“ ist der „Echo Moskwy“-Journalist Sergej Parchomenko, die NGO Memorial unterstützt das Projekt. Bisher wurde laut Parchomenko noch kein einziges der Schilder beschädigt oder abgenommen.

    Sergej Parchomenko auf Facebook zum Start des Projekts in St. Petersburg (Screenshot)

    Sergej Parchomenko auf Facebook zum Start des Projekts in St. Petersburg (Screenshot) / Zum Vergrößern klicken

Russland: Links der Woche

Die Fundstücke der Woche – kommen diesmal nicht an der Frage vorbei, wo ER ist und was er macht. Außerdem: Geflüster aus dem Kreml.

  • Putins Krim-Film: lief in einigen Teilen Russlands bereits (zeitzonenbedingt). Der Telekanal Doshd hat die Kernaussagen zusammengefasst (russ.). Besonders interessant sind Putins Aussagen zu den „kleinen grünen Männchen“ (Soldaten ohne Hoheitsabzeichen): Er gibt zu, dass es sich dabei um russische Spezialkräfte handelte, die auf Regierungsbefehl handelten. Natürlich nur, um ukrainische Anschläge auf das Krim-Referendum zu verhindern, alles klar.
  • Druck auf investigative Krim-Journalisten: FSB-Agenten befragen Natalja Kokorina sechs Stunden lang und durchsuchen das Elternhaus von Anna Andrijewskaja, Näheres hier.
  • Wo ist Putin? Keine Ahnung, aber es ist erstaunlich, wie schnell das Meme „Wo ist der Präsident“ zu „Putin ist tot“ drehte. (Oder auf krebskrank, entmachtet oder „im Babyglück“ = boulevardesk für: jemand hat Nachwuchs bekommen). Zum tot-Meme gibt es hier (engl.) und hier (russ.) noch etwas Humor.
  • Ramsan Kadyrow… meldete sich diese Woche mit einem „ich werde Putins Feinde zermalmen“-Instagram-Erguss zu Wort. Bemerkenswert ist der vorletzte Satz: Er sei Putin ergeben, so Kadyrow, „unabhängig davon, ob er im Amt ist oder nicht“. Hm. Sprachliche Unachtsamkeit oder Seitenhieb?
  • Die „tschetschenische Spur“ im Fall Nemzow… hat auffallend wenige in Russland überzeugt. Selten hat sich der Kreml so wenig einig gezeigt. Mittlerweile gibt es die Theorie, dass im Hintergrund ein Machtkampf läuft und die „tschetschenische Spur“ benutzt wird, um Kadyrow (und damit Putin?) zu schaden. Allerdings scheiden sich die Geister daran, wer genau gegen wen kämpft – und woran man das genau erkennen kann.
  • Beliebte Variante: Kreml-Elite und FSB gegen Putin. Ein anonymer Interviewpartner, der angibt, er sei ein FSB-Offizier in der Ukraine, liefert Gordonua.com einige interessante Zitate. Wie glaubwürdig diese Informationen sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Eine These: Viele im Kreml, aber auch im FSB, sind unzufrieden mit der Ukraine-Politik Putins. Die Sanktionen schmerzen, man hat vielleicht in den Volksrepubliken der Ostukraine aufs falsche Pferd gesetzt, und Kiew wird auf absehbare Zeit nicht russisch. Putin sei tatsächlich vom Nemzow-Mord überrascht worden, so der Informant – und der Mord solle ihm und Kadyrow schaden.
  • PR für Putin und Gasprom: Das global agierende US-Unternehmen Pleon hat jahrelang PR für die russische Regierung und Gasprom (parallel!) gemacht und damit verdammt viel Geld verdient. Und zwar immerhin bis Ende letzten Jahres, Ukraine- und Krim-Krise waren offenbar kein Grund, die Zusammenarbeit zu beenden. Hier gibt’s zusätzliche Infos (engl.).
Zar Nikolaus II

Russland/Ukraine: Die Links der Woche

Russland und Ukraine im Netz – die Fundstücke der Woche. Diesmal dabei: Putin, der Fall Nemzow, die Kampagne gegen Anna Durizkaja und Factchecking zum Ostukraine-Konflikt. (Leserfreundlicherweise vor allem Links zu deutsch- und englischsprachigen Quellen, Russisch und Ukrainisch sind aber auch vertreten.)

PUTIN-NEWS

  • Putins Telegramm an Nemzows Mutter: Wladimir Putin hat kurz nach Bekanntwerden von Nemzows Ermordung dessen alter Mutter ein Telegramm geschickt. Das bestätigt der Kreml-Pressedienst in dieser Mitteilung. Der vollständige Text (russ.) ist hier zu sehen und laut Foto-Credit von Alfred Koch lanciert worden, der wie Nemzow in den 90ern Mitglied des Kabinetts Jelzin war. In dem Telegramm spricht Putin sein Beileid aus und verspricht, alles zu tun, damit die „Organisateure und Ausführer dieser gemeinen und zynischen Tat“ gefunden werden. Manch einer mag eben dieses Telegramm zynisch finden.
  • Kritiker machen darauf aufmerksam, dass Putin das Telegramm an „D.J. Eidmann“ addressiert hat – den jüdischen Mädchennamen von Nemzows Mutter, den diese Freunden und Bekannten zufolge seit ihrer Heirat vor mehr als 60 Jahren nicht mehr nutzt. Der ehemalige Russlandkorrespondent des „Focus“, Boris Reitschuster, weist darauf hin, dass Eidmann als jüdischer „Allerweltsname“ in Russland eine deutlich negative Konnotation hat.
  • Putins Gehaltskürzung: Putin hat sich und einer Reihe weiter hochrangiger Regierungsmitglieder per Dekret das Gehalt um 10 Prozent gekürzt. Kleine Erinnerung: Im April 2014 hatte er sich sein eigenes Gehalt von umgerechnet etwa 73.000 Euro (damaliger Kurs) auf umgerechnet rund 193.000 Euro erhöht. Das ist eine Erhöhung um rund 164%.
  • Putins Meme-Koala: Die russische Botschaft in Australien hat die Sorge geäußert, der von Putin umarmte Koala könnte vor Angst gestorben einem Euthanasie-Programm zum Opfer gefallen sein, schreiben die „Moscow Times“. Der Koala ist übrigens in meiner Hall of Fame der Putin-Memes (bei Storify).

DER FALL BORIS NEMZOW

  • Nemzows geplanter Vortrag über den Krieg in der Ostukraine: Eine Mitarbeiterin Nemzows hat der Nachrichtenagentur Reuters eine handschriftliche Notiz vorgelegt, die von Nemzow stammen soll – womöglich das letzte Handschriftliche, das wir von ihm haben. Er soll Kontakt zu Fallschirmjägern aus der russischen Stadt Iwanowo gehabt haben, die offenbar in der Ukraine eingesetzt worden waren. Unter ihnen soll es laut Nemzows Notiz 17 Gefallene gegeben haben, die übrigen seien unzufrieden darüber, dass sie vom russischen Staat keine (finanzielle) Unterstützung erhalten.
  • Anna Durizkaja: Nemzows Begleiterin steht jetzt laut Mitteilung der ukrainischen Generalprokuratur unter Polizeischutz. Sie soll sich bei der Polizei gemeldet haben, weil sie nach eigenen Angaben Morddrohungen erhielt. Wäre schön, wenn die Schmierenkampagne gegen sie jetzt mal ein Ende hätte.Vgl. hier und hier für englischsprachige Beispiele. (Bilder zum Vergrößern anklicken)

    "Stern", Screenshot A. Willner

    „Stern“, Screenshot A. Willner

  • Der „Stern“ macht da munter mit (siehe Screenshot); offensichtlich befürchtet dort niemand, man könnte sich vor den russischen Propaganda-Karren spannen lassen, wenn man über Nemzows „geheimnisvolle Begleiterin“ fabuliert und seinen Lesern eine Mittäterschaft Durizkajas suggeriert. Die „Rheinische Post“ macht es nicht besser. (Bilder zum Vergrößern anklicken.)

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UKRAINE

  • Was denken die Ukrainer eigentlich? „Stereoscope Ukraine“ ist schon allein deshalb ein tolles Essay-Projekt, weil hier endlich mal Stimmen aus der Ukraine gehört werden. Die deutsche Version der Essays veröffentlicht die FAZ hier. (Disclaimer: Das Projekt wird u.a. von n-ost organisiert; dort war ich Praktikantin.)
  • Fact-checking und Datenjournalismus: Aric Toler stellt auf Global Voices verschiedene Initiativen vor, die anhand von öffentlich zugänglichen Daten versuchen, die Angaben sowohl des ukrainischen Militärs als auch der pro-russischen Separatisten zu überprüfen. Es soll der Anfang einer Serie zu ukrainischen Fact-checking-Projekten sein. Woohoo!
  • Nowaja Gasetas Interview mit einem verwundeten russischen Soldaten: …gibt es bei „The Interpreter“ in ausführlichen Auszügen auf Englisch, ergänzt um eigene Recherchen zu einem möglichen Einsatz russischer Soldaten in der Ukraine. (Achtung, Fotos von Brandwunden sind nicht schön.)
  • Peer Steinbrücks neuer Job: Steinbrück wird Teil eines Beratungsgremiums, dass Modernisierungsvorschläge für die Ukraine vorlegen soll. Das wird allerdings von drei Oligarchen mit zweifelhaftem Ruhm finanziert. (Firtasch, Achmetow und Pintschuk, if that rings a bell). Die „Wirtschaftswoche“ berichtete zuerst darüber und legt mit einem unaufgeregten Steinbrück-Interview nach (geführt von Florian Willershausen).
  • Explosionen in Odessa und Charkiw: Der Terroranschlag auf eine Demo in Charkiw hat auch in den deutschen Medien Aufmerksamkeit bekommen. Anders sieht es mit der Serie von meist nächtlichen Explosionen in der Schwarzmeerstadt Odessa aus. Die FAZ hebt sich da ab (Text vom 22. Februar, mittlerweile hat es weitere Explosionen gegeben).

Boris Nemzow – Fünf Stimmen aus Russland (Blogschau)

Update: Für Focus online habe ich die Theorien zusammengefasst und eingeordnet, die im Runet über den Mord kursieren.

Zur Ermordung Boris Nemzows: Fünf von mir übersetzte Zitate aus analytischen Texten russischer Intellektueller – weil mir das interessanter erschien als das meiste, was ich bisher auf Deutsch dazu gelesen habe. Unter jedem Zitat gibt es natürlich den Link zum russischen Originaltext.

1. Dichter Lew Rubinstein: Dieser Mord war unausweichlich

Ich weiß nicht, wer Boris getötet und wer den Befehl dazu gegeben hat. Wenn wir es irgendwann erfahren sollten, dann wird das nicht bald sein. Aber wir alle wissen, wer jene Stimmung in der Gesellschaft erschaffen und inspiriert hat, in der Morde wie diese nicht nur möglich, sondern unausweichlich sind.

[…]

Ich weiß nicht, wer konkret Boris ermordet hat […]. Aber eines ist offensichtlich: [Sie] haben quasi die Jagdsaison auf alle eröffnet, die die Frechheit haben, zu leben, zu atmen, zu denken und zu sprechen.

Link zum vollständigen Text (russisch)


2. Journalist Stanislaw Kutscher: Natürlich könnte Putin dieses Verbrechen aufklären

Wenn der Präsident aufrichtig wünscht, den Mord an dem Menschen aufzuklären, mit dem er einst Ski gefahren ist und über die Zukunft Russlands debattiert hat, dann verfügt er über alle Möglichkeiten, das rasch zu tun. Wenn die von (Putin) herangepäppelten Geheimdienste in der Lage waren, die unblutige Wiederkehr der Krim [ins Staatsgebiet Russlands] vorzubereiten, was kostet sie dann die Aufklärung eines Mordes, der 200 Meter vom Kreml entfernt verübt wurde, im Visier von Dutzenden Sicherheitskameras, auf einem Gebiet unter der Kontrolle des heroischen Föderalen Wachdienstes*?

(*Der Föderale Sicherheitsdienst wacht über die Sicherheit des Präsidenten und die Regierung ; der Kreml befindet sich nur wenige Meter vom Tatort)

Link zum vollständigen Text (russisch)


3. Journalist Andrej Kolesnikow: Es ist derselbe Hass

Derselbe Hass, dieselbe Aggression, die in den letzten Jahren geschürt wurden, als die Mehrheit (der Gesellschaft) gegen die „Fünfte Kolonne“ und „Verräter der Nation“ aufgehetzt wurde, konzentriert sich in diesem politischen Terrorakt, in diesen Schüssen – bezeichnenderweise in den Rücken, wenige hundert Meter vom Kreml entfernt.

[…]

Nach einem politischen Mord wie diesem ändert sich in (anderen) Ländern die Denkweise der Menschen […]. Ich bin sicher, dass das bei uns anders sein wird. Wir haben eine Gesellschaft wie Teflon, aggressiv und gleichzeitig paradoxerweise gleichgültig allem gegenüber. Es wird sich überhaupt nichts ändern. Auch nicht die Atmosphäre im Land, die zur Ermordung Nemzows geführt hat, des „Verräters der Nation“, der sein Land nie verlassen hat und der so gut wie einer der letzten aufrichtigen und leidenschaftlichen Politiker (Russlands) war.

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4. Publizist Ilja Milstein: Der Kreml bekämpfte Nemzow wie einen Feind

Der frühere Gouverneur, frühere Vizepremier, frühere Liebling Jelzins und sogar – wenn man den hartnäckigen Gerüchten glaubt – derjenige, den der erste Präsident (Jelzin) zeitweise als seinen Nachfolger sah, wurde unter Putin langsam, aber sicher aus der Politik gedrängt. Er war ein unverkennbarer Regimegegner, aber nie ein (ernstzunehmender) Konkurrent des Regimes.

Gleichwohl blieb Boris Nemzow bis zum letzten Tag ein Hassobjekt des Kremls, ein „Held“ in heimlich mitgeschnittenen und dann veröffentlichten Gesprächen sowie in bestellten Schauermärchen, die in Zeitungen, Dokumentationen und bei den staatlichen Fernsehsendern und wer weiß wo noch breitgetreten wurden. […] Man bekämpfte ihn wie einen Feind und bezeichnete ihn als einen Feind, als einen Agenten des US-Außenministeriums, der „Fünften Kolonne“ und mit vielen anderen Worten, die zu anderen Zeiten Erschießung oder Lager bedeuteten. Und in unseren Zeiten eine außergerichtliche Abrechnung provoziert haben. Er hat das verstanden und ernsthaft um sein Leben gefürchtet.

[…]

Im Gerichtssaal, falls man die Vollstrecker (der Tat) erwischt, wird man gesondert über die Hetzer sprechen müssen. Mit der Schärfe und Unerbittlichkeit, mit der man über Menschen spricht, deren Schuld weitaus schwerer wiegt als die des Killers, der nur geschossen hat, wohin man ihm befohlen hat. Diese Schuld ist ungeheuerlich und unauslöschlich. Und die ganze Atmosphäre in einem Land, in dem man ein ganzes Volk (geradezu) drängt, zum Auftragsmörder zu werden, zeugt gegen die herrschende Regierung.

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5. Journalist Artemij Troizkij: Als Märtyrer ist Nemzow für Putin gefährlicher als zu Lebzeiten

[…] Ein toter Nemzow als Märtyer und Symbol des Kampfes ist für den Kreml gefährlicher als der lebendige Politiker ohne große Perspektiven. […] (Ähnlich) wie der zynische Ausspruch Putins zum Mord an Anna Politkowskaja – dass ihr Tod mehr Schaden verursacht habe als ihre journalistische Arbeit. Auch der mögliche Ruck (in der Gesellschaft) hin zu einer weiteren Eskalation und der Radikalisierung des Protests bringt der Regierung nichts ein. Den Terror der „Antimaidanisten“ könnte die Opposition ebenso (militant) beantworten.

Andererseits fügt sich die Ermordung Boris Nemzows als Einschüchterungsakt und Druckmittel zweifelsohne in die aktuelle Innenpolitik des Kremls ein. Und das beweist, wie niederträchtig und gefährlich diese Politik ist.

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